Fein raus.

Vom Verzichten auf kostenlose Webdienste.

Ich bin fein raus – denn ich hoste meinen eigenen Jabber-Server, wenn Google also demnächst auch die noch verbliebenen Chat-Strukturen nach außen hin abdichtet (siehe heise), kann mir das egal sein: Auch alle wichtigen Bekanntschaften haben für sich längst Alternativen geschaffen.

Das ändert nichts daran, dass Selberhosten ineffizient ist.

Meine Entscheidung, einen eigenen Chatserver aufzusetzen war vor allem von dem Umstand motiviert, dass ich meine private Kommunikation nicht länger über die Server eines amerikanischen Dienstes leiten wollte, der offensichtlich alle Gespräche mitloggt. Sicherlich: Wir verwenden OTR-Plugins, weil wir das prinzipiell jedem an unserer Kommunikation beteiligten Transporteur unterstellen; aber wenn Google Talk plötzlich beginnt einem, die mal verschlüsselten, mal plaintext vorliegenden Offline-Nachrichten per EMail hinterherzumailen, stellt sich doch ein mulmiges Gefühl ein.

Bei Diensten wie tumblr sah ich hier keinen Bedarf.

Hier bin ich doppelt fein raus: Ich benutze tumblr nicht. Nicht einmal wirklich nennenswerter passiver Konsum findet hier bei mir statt. Ich habe mal versucht, Texte dort zu publizieren, fand die Oberfläche aber limitierend und hässlich. Die Emo- und Cupcake-Bildchen amerikanischer Teenagerinnen interesserieren mich ebensowenig: Ich habe keinen bedarf an Tumblr. Von daher hatte Yahoo auch meinen Segen, diesen Webdienst zu kaufen. Wenn sie glauben, damit wieder Bedeutung im Netz zu erlangen, will ich dem nicht im Wege stehen.

Mit Unverständnis nehme ich aber zur Kenntnis, wie jetzt ein Selberhost-Aufschrei durch twitter geht. Als ob der Inhaberwechsel einer Publishingplattform wirklich weitreichende Folgen für die dort hinterlegten mauen Inhalte hätte. Oder als ob die Nutzer dieses Dienstes an mehr Kontrolle über ihre Inhalte überhaupt interessiert wären.

„Mit dieser Übernahme geht nichts verloren, was nicht längst verspielt worden war.“

Das Nutzen von fremden Diensten ist immer ein Verlust von Kontrolle. Denn, um den Bogen zurück zum Anfang zu spannen: Selbst Google beraubt seine Nutzer zunehmend ihrer Freiheiten. Fein raus, wer sich gar nicht erst in Abhängigkeiten begibt. Die Frage bleibt, wie wichtig, dieses Eigenpublizieren überhaupt noch ist. Liest jemand ehrfurchtsvoll die Artikel von mspro? Nimmt jemand Don Alphonso für voll?

Die hochgeschätzte Julia Seeliger hat sich heute ein paar Gedanken zur Eigenpublikation gemacht und wie out Blogs doch sind. Auch ich bin nicht wirklich der Meinung, dass Blogs in Deutschland mehr als Hobby sein können. Sie sind nicht in der Lage, die Komplexität, die wir nicht mehr handhaben können, sinnvoll zu reduzieren. Sie werfen nur noch mehr Informationen auf uns und dienen bestenfalls der Unterhaltung.

Wer seinen Glauben an das Internet dennoch suchen gehen möchte, findet ihn vielleicht hier:

In einer ca. 90minütigen Arte-Dokumentation zu Entstehung, Entwicklung und Niedergang des Netzes findet sich vielleicht das Heil, das man am heutigen Pfingsmontag innerlich begehrt. Die Dokumentation hat den Titel “Die wilden Wurzeln des World Wide Web” und findet sich auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=UOFuvGwyeT0 (..weil Arte das mit dem Selberhosten ebenfalls doof findet.)

Fastenzeit

In den nächsten Tagen endet die Fastenzeit, lasst uns zusammenfassen:

Ich habe in den letzten Wochen auf Mehlprodukte, Kristallzucker und Alkohol verzichtet.

Ausnahmen gab es für eine Geburtstagsfeier und den Besuch einer alten, lange nicht gesehenen Bekannten. Durch die – anfangs etwas ungewohnte, an sich aber eigentlich erträgliche – Ernährungsumstellung habe ich in diesem Zeitraum 4,8 kg abgenommen, gleichzeitig hat ein intensives Sportprogramm zu Muskelaufbau geführt. Ich fühle mich also keineswegs ausgezehrt, sondern deutlich fitter als noch im Februar.

Auf die Idee brachte mich moeffju, der – wohl in Anlehnung an die Paläo-Diät – den Verzicht auf Getreide vorschlug.

Diese Speiseeinschränkung hat Vorteile, inbesondere für mich:

Durch den völligen Verzicht auf Getreideprodukte kommen 95% aller Fast-, Junk- oder Conveniencefoodprodukte nicht mehr für mich in Frage. Persönlich bin ich ja ein großer Freund des Johannisbeer-Streusel-Talers, der sich bei so ziemlich jedem Münchner U-Bahn-Bäcker finden lässt, also unterwegs auch mal eben ganze Mahlzeiten ersetzen kann. Dies ist nun ebenso unmöglich geworden wie das sinnlose Kohlenhydratefressen durch Nudelkochen. Stattdessen gibt es Kartoffeln, dazu Magerquark, der mit Leinöl um wertvollere Fette aufgestockt wird. Obst ist erlaubt, denn ganz ohne Zuckerzufuhr macht das Leben keinen Spaß, Fisch und Fleisch wurden ebenfalls nicht gestrichen. Reis ist an sich erlaubt, sollte aber nur in Maßen genossen werden. Als Frühstück bietet sich ein grüner Smoothie an (statt den bei mir sonst üblichen Haferflocken dann halt mit etwas mehr Nüssen). Dichte Nahrung, wie etwa Brot, scheidet allerdings auch aus.

Was ist für Ernährung wirklich unverzichtbar?

Diese Verzichtsphase bleibt nicht ohne Folgen. Auch wenn dies nicht mein ursprüngliches Ziel war, führt diese “Diät” doch zu einer dauerhaften Ernährungsumstellung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wieder die gelegentliche Flasche Weißwein in meinem Kühlschrank aufschlagen wird – Süßigkeiten haben aber für mich ihren Reiz ziemlich verloren, ebenso ist Brot als ziemlich teures und wenig zweckdienliches (es will mit Fett bestrichen und mit noch fetterem Aufschnitt belegt werden) Nahrungsmittel für mich ausgeschieden. Guter Kuchen, ausgezeichnete Torte, Desserts mit echtem Zucker (Stevia finde ich schrecklich langweilig) – das sind Ausnahmen, die sich lohnen, dem U-Bahn-Bäcker werde ich aber weiterhin fernbleiben.

Reset

Ich weiß gar nicht, wie lange ich Retroaktiv.de

jetzt schon – mehr als weniger unregelmäßig – betreibe. Irgendwann im Jahr 2007 habe ich nach einem Datenbankcrash beschlossen, alle alten Artikel zu verwerfen und von vorne zu beginnen. Ich habe die alten Artikel nie vermisst. Da man in einem ungefähren 5-Jahres-Takt glaubt, die Pubertät endlich hinter sich gelassen zu haben, ist es wahrscheinlich auch nicht verkehrt, alte Äußerungen wegzuschütten. Mein eigener digitaler Radiergummi.

Vor ein paar Tagen schrieb mir mein Serveranbieter:

Mein Server sei mit fiesem Phishing- und Spam-Code verseucht, eine gefälschte Bankenloginseite würde aus einem Unterverzeichnis betrieben. Bei den Aufräumarbeiten blätterte ich durch die alten Weblogseiten und stellte fest: Die fünf Jahre sind wieder einmal um. Zeit loszulassen.

Ich fange wieder von vorne an, offentlich dieses Mal regelmäßiger. Bei dieser Gelegenheit kann ich auch mal die Google-Anzeigen entfernen. Vor fünf Jahren schien das noch eine gute Idee zu sein..